60 Jahre soziales, kulturelles und sozialpädagogisches Engagement im deutsch-
dänischen Grenzraum.
Die Geschichte der Grenzfriedenshefte - Kontinuität und Wandel
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Entstehung
Die Grenzfriedenshefte wurden 1953 als Mitgliederzeitschrift des Grenzfriedensbundes ins Leben gerufen. Dieser Verein war 1950 von sozialdemokratischen und liberalen Bürgern als Gegengewicht zu den konservativen Grenzverbänden gegründet worden, die im Grenzkampf vor 1955 einseitig auf nationale Konfrontation setzten. Der Grenzfriedensbund wollte auf dem Boden der Kieler Erklärung von 1949 „deutsche Kulturarbeit leisten in europäischem Geiste“, wie es in der Satzung hieß. Der Verein bekannte sich zur geltenden deutschdänischen Grenze, gestand aber den Angehörigen der dänischen Minderheit im Landesteil Schleswig das Recht auf ein freies nationales Bekenntnis zu. So glaubte der Grenzfriedensbund, „eine Verständigung mit gleich gesinnten Kreisen des dänischen Volkes erreichen zu können.“
Diesen programmatischen Zielen sollten auch die als Vierteljahrsschrift konzipierten Grenzfriedenshefte dienen. In seinem Geleitwort zur ersten Ausgabe im März 1953 gab der Vorsitzende des Grenzfriedensbundes Jens Nydal der Hoffnung Ausdruck, dass die Grenzfriedenshefte „wertvolles Material für alle bringen, die mit den Problemen unseres Grenzlandes ringen und nach einer Lösung suchen, und dass sie dazu beitragen mögen, den Blick für die fruchtbaren Zusammenhänge zwischen den beiden Völkern an dieser Grenze zu öffnen.“
Die Konzeption der Grenzfriedenshefte ging maßgeblich auf zwei der Gründungsmitglieder des Grenzfriedensbundes, den Schulrat Detlef Hansen und den Flensburger Bibliothekar Dr. Hans Peter Johannsen, zurück. Der aus Nordschleswig stammende Johannsen übernahm auch die Redaktion der neuen Zeitschrift. Unter seiner Leitung lag ein klarer Schwerpunkt der Hefte auf sozialem und literarischkulturellem Gebiet.
Offenheit für kritische Stimmen
Nachdem Dr. Johannsen 1961 Vorsitzender des Grenzfriedensbundes geworden war, übernahm Ernst Beier die Redaktion der Grenzfriedenshefte. Der gelernte Drucker, auch er ein Gründungsmitglied des Grenzfriedensbundes, war in der Flensburger Arbeiterbewegung verwurzelt. Seine ausgesprochen weltoffene, liberale Haltung und sein politisches Gespür führten zu einer thematischen Öffnung der Grenzfriedenshefte. Auch durch das Engagement seines Sohnes, des Historikers Dr. Gerhard Beier, bedingt, gewannen in den 60er und 70er Jahren historische, gesellschaftliche und politische Themen in den Grenzfriedensheften an Gewicht. Zum Teil gegen den Willen des Vereinsvorsitzenden öffnete Ernst Beier progressivkritischen Stimmen die Spalten der Grenzfriedenshefte.
Geschärftes wissenschaftliches Profil
Nachdem der Flensburger Rektor und Kommunalpolitiker Artur Thomsen 1977 den Vorsitz des Grenzfriedensbundes übernommen und Ernst Beier sich aus Altersgründen 1980/81 aus der Redaktionsarbeit zurückgezogen hatte, trat der Flensburger Historiker und Politologe Dr. Jörn-Peter Leppien dessen Nachfolge an. Im engen Zusammenwirken mit dem Vereinsvorsitzenden Artur Thomsen (bis 1997) – und seit 1995 unter Mitarbeit auch des Flensburger Historikers Dr. Matthias Schartl – entwickelte Leppien das Redaktionskonzept Ernst Beiers fort. Durch seine guten Kontakte zu deutschen wie dänischen Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen wurde das wissenschaftliche Profil der Grenzfriedenshefte geschärft. Ihr Umfang nahm erheblich zu. Die Zeitschrift wurde in den 80er und 90er Jahren zu einem weit über den Grenzbereich hinaus anerkannten, auch dänischerseits hoch geschätzten Publikationsorgan und zum „Aushängeschild“ des Grenzfriedensbundes.
Die kritische Auseinandersetzung mit der deutsch-dänischen Geschichte, von Anbeginn ein Anliegen der Grenzfriedenshefte, wurde unter Leppiens Leitung erheblich intensiviert. Eine fachgerechte Erforschung und verantwortliche Vermittlung der gemeinsamen Geschichte soll im Sinne des Geleitworts von Jens Nydal aus dem Jahre 1953 „den Blick für die fruchtbaren Zusammenhänge zwischen den beiden Völkern an dieser Grenze öffnen“, zugleich aber auch „Probleme unseres Grenzlandes“ einer Lösung näher bringen – Probleme, die meist mit historisch bedingten Vorurteilen verbunden sind.
Auseinandersetzung mit verdrängten Problemen
Seit Anfang der 80er Jahre liegt ein Schwerpunkt der Grenzfriedenshefte auch auf der lange vernachlässigten Aufarbeitung der nationalsozialistischen Epoche in der Region. Als Beispiele seien die seit 1983 erschienenen zahlreichen Publikationen zur Geschichte des Konzentrationslagers Ladelund, ein Beitrag von Klaus Bästlein aus dem Jahr 1989 über die Rolle der deutschen Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg: „Die Hinrichtung des Friedrich Rainer im April 1945 auf Sylt“, sowie eine Reihe von Beiträgen anlässlich des 50. Jahrestages der Judenpogrome von 1938 genannt. Die Grenzfriedenshefte haben bei der Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus Pionierdienste geleistet. Die Entstehung und Entwicklung des 1992 gegründeten Instituts für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte haben die Grenzfriedenshefte publizistisch gefördert.
Die Grenzfriedenshefte hätten ihre Rolle als eine Wegbereiterin der deutschdänischen Verständigung und als ein Organ der entschieden demokratischen Meinungsbildung nicht erfüllen können, wenn sie nicht von Anbeginn – und verstärkt, nachdem Ernst Beier die Redaktion übernommen hatte – den Finger in offene Wunden gelegt und Tabuthemen aufgegriffen hätten. Auch hier seien nur wenige Beispiele genannt: Verschiedene Beiträge über Jugendproteste und Außerparlamentarische Opposition beiderseits der Grenze (1969), ein Aufsatz von Gerhard Beier über „Möglichkeiten einer Friedenspädagogik im Grenzland“ (1971), die Kritik des damaligen Kieler Studenten Jörn-Peter Leppien an der Darstellung der deutsch-dänischen Beziehungen in dem damals noch populären Handbuch zur schleswig-holsteinischen Geschichte von Brandt/Klüver (1972/73), die kritische Auseinandersetzung der Historiker Manfred Jessen-Klingenberg, Jörn-Peter Leppien und Hans Friedrich Rothert mit der 1978 eröffneten Dauerausstellung über die Schlacht bei Idstedt von 1850 (1979), die Einmischung der Grenzfriedenshefte in den Denkmalstreit um eine Rückkehr des Idstedt-Löwen nach Flensburg (1992 ff.) und schließlich die seit 2001 in unregelmäßiger Folge erscheinenden Einwürfe des „Grenzgängers“ Dr. Gerret Liebing Schlaber, der seit 2003 als Historiker der jüngeren Generation das Redaktionsteam der Grenzfriedenshefte verstärkt.
Selbstverständliche grenzüberschreitende Zusammenarbeit
Die Grenzfriedenshefte haben im Laufe der Zeit im Hauptteil oder unter der Rubrik „Echo“ nicht nur viele umstrittene Themen aufgegriffen, sie waren stets auch bereit, neuen Forschungsfeldern und damit neuen Erkenntnismöglichkeiten den Weg zu ebnen. So erschien 1971 ein Schwerpunktheft mit zehn Beiträgen zur damals hierzulande kaum bekannten interdisziplinären Friedensforschung. 2003 betrat ein dänisches Historikerteam Neuland, als es in den Grenzfriedensheften „Das schleswigsche Grenzland im Licht kontrafaktischer Geschichtsschreibung“ beleuchtete.
Es war und ist die Überzeugung der Redaktion, dass das Ziel der Grenzfriedenshefte, den Blick für die Belange des Nachbarn zu öffnen und durch Information zu Problemlösungen beizutragen, nur dann erreicht werden kann, wenn neben deutschen auch dänische Autoren in den Grenzfriedensheften zu Worte kommen. Bereits in der ersten Ausgabe unserer Zeitschrift vom März 1953 war neben dem Kieler Geschichtsprofessor Alexander Scharff sein Århuser Kollege Prof. Troels Fink, der spätere Generalkonsul in Flensburg, vertreten. Heute ist etwa die Hälfte der Beiträge im Hauptteil der deutschsprachigen Grenzfriedenshefte von dänischen Autorinnen und Autoren verfasst. Dabei geht es der Redaktion schon seit Jahrzehnten nicht mehr darum, einem deutschen Standpunkt gleichsam paritätisch eine dänische Position gegenüberzustellen. Die nationale Zugehörigkeit der Verfasser tritt gegenüber dem Gewicht ihrer Aussagen und den gemeinsamen Bemühungen um gemeinsame Probleme zurück.
Kontinuität und Wandel
Die Beiträge im Hauptteil, die nach wie vor den Schwerpunkt der Hefte bilden, wurden ab 1954 durch eine Umschau mit aktuellen Berichten vornehmlich aus der Grenzlandpresse und ab 1959 durch einen Rezensionsteil ergänzt, der über relevante Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt informiert. Diese Rubriken gewannen im Laufe der Jahre an Gewicht, seit 2003 wurden sie durch die sachkundige Mitarbeit von Dr. Gerret Liebing Schlaber in der Redaktion erheblich ausgebaut.
Schlabers zahlreichen Kontakten zu jüngeren und jungen Wissenschaftlern in Deutschland wie in Dänemark ist es nicht zuletzt zu verdanken, dass unter den Autoren der Grenzfriedenshefte in den letzten Jahren eine starke Verjüngung eingetreten ist. Mit dem Schleswiger Historiker und Journalisten Ove Jensen, M.A. konnte 2006 auch die Redaktion ein weiteres Mitglied aus der jüngeren Generation gewinnen.
Die große Resonanz, auf die die Grenzfriedenshefte seit 1953 treffen, ist auch darauf zurückzuführen, dass die Zeitschrift in Bibliotheken, wissenschaftlichen Instituten, Schulen und in zahlreichen kulturellen wie politischen Institutionen greifbar ist, also einen Leserkreis in Deutschland und Dänemark erreicht, der weit über die Mitglieder des ADS-Grenzfriedensbundes hinausgeht.
Diesem Zweck dienen auch die meist auf Beiträge aus den Grenzfriedensheften zurückgehenden Sonderpublikationen, die der Grenzfriedensbund seit 1953, verstärkt aber seit den 80er Jahren, allein oder mit befreundeten Institutionen herausgibt.
Kontinuität und Wandel, die die Geschichte der Grenzfriedenshefte kennzeichnen, sind auch an der Umschlaggestaltung abzulesen: Nach langem Zögern entschied sich die Redaktion 1985 für eine aussagekräftigere, ansprechendere Gestaltung des Umschlags, die seitdem kontinuierlich fortentwickelt wurde. Das Innere der Hefte wurde im Laufe der Zeit großzügiger gestaltet. Auch durch den Fortschritt in der Drucktechnik bedingt, enthält mittlerweile jedes Heft zahlreiche, meist großformatige Abbildungen. Trotz solcher Neuerungen ist der unverwechselbare Charakter der Grenzfriedenshefte erhalten geblieben.
Dies gilt erst recht für ihr inhaltliches Profil: Auch wenn sich die Schwerpunkte im Laufe der Zeit verlagert haben, bleibt es das Hauptziel der Grenzfriedenshefte, auf der Basis der Konzeption von 1953 durch wissenschaftlich orientierte, unvoreingenommene und verständliche Information auf verschiedenen Fachgebieten zur deutsch-dänischen Verständigung beizutragen.
Unter neuer Trägerschaft
Dies wird seit der Fusion des Grenzfriedensbundes mit der ADS (Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig) 2006/2007 auch durch den Untertitel der Grenzfriedenshefte zum Ausdruck gebracht: Zeitschrift für deutsch-dänischen Dialog. Als Herausgeber zeichnet der neue Verein ADS-Grenzfriedensbund; die Unabhängigkeit der ehrenamtlich tätigen Redaktion wird dadurch nicht berührt.
Mitgliederzeitschrift des ADS-Grenzfriedensbundes ist seit 2007 das bis dahin von der ADS herausgegebene „Streiflicht“. Alle Vereinsmitglieder erhalten die Grenzfriedenshefte automatisch, daneben besteht die Möglichkeit eines vereinsunabhängigen Abonnements.
Die Redaktionsgeschäftsstelle der Grenzfriedenshefte wird von der früheren Geschäftsführerin des Grenzfriedensbundes Ingrid Schumann betreut, die seit 2007 im ADS-Grenzfriedensbund als Referentin für Grenzlandfragen tätig ist.
Zur Geschichte des Grenzfriedensbundes und der Position der Grenzfriedenshefte in der schleswig-holsteinischen Medienlandschaft gibt es zwei Untersuchungen:
- Tilman Eysholdt, Im Spannungsfeld von Nation und Europa. Der Grenzfriedensbund 1950-1990, Flensburg 1990
- Lena Möller, Die Grenzfriedenshefte 1953-2008. Ein Spiegel der Zeit oder Zeichen der Geschichtspolitik? In: Grenzfriedenshefte 1/2010, S. 7-42
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